Rezension: Unterleuten von Juli Zeh

12:58:00


Verlag: Luchterhand 
Seiten: 640
Preis: 24,99€ (Hardcover), 19,99€ (eBook) 

Bewertung: solide 3,5 Sterne 


Kurzmeinung:

Vielleicht bin ich bei diesem so viel gelobten Buch mit zu hohen Erwartungen herangegangen. Aber ich konnte mich beim Lesen dieses Romans nicht so richtig entscheiden, ob ihn genial oder doch eher etwas langweilig finden soll... 


Klappentext:


Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …


Zum Buch: 

Die Geschichte spielt also im auf den ersten Blick so idyllischen Unterleuten. Bevölkert wird es von den Alteingesessenen, die schon zu DDR- Zeiten dort gelebt und gearbeitet haben und für die sich im Grunde seit Jahrzehnten kaum etwas geändert hat; und von den neu Hinzugezogenen, die dem Stadtleben Berlins entfliehen wollten. 
Das Buch ist aus Sicht eines allwissenden Beobachters geschrieben, es wird immer abwechselnd auf einen der Hauptakteure im Dorf fokussiert. 
Zunächst werden die Bewohner und ihre Hintergründe vorgestellt und in welchen Beziehungen sie zueinander stehen. Der Leser lernt das alltägliche Dorfleben kennen und welche Dynamiken das Miteinander bestimmen. In Unterleuten herrschen nämlich bestimmte Bräuche und Sitten, Konflikte werden stets untereinander gelöst, die Behörden werden mir Streitigkeiten nicht belästigt -man lässt sich nicht von Fremden in seine Angelegenheiten reinreden. 
In Unterleuten gibt es schon genug Konfliktpotential, etwas zwischen den alteingesessenen Wendegewinner und -verlieren. Aber auch die Städter haben ihre Probleme -sei es der nervige Nachbar, oder Ärger mit der Naturschutzbehörde wegen der Baugenehmigung. 
Und dieses volle Fass beginnt Überzulaufen, als ein Energiekonzern verkündet, in Unterleuten solle ein Windpark gebaut werden. Jetzt gilt es nur noch zu entscheiden, wo. Verschiedene Eignungsgebiete (bzw Teile davon) befinden sich im Besitz verschiedener Bewohner und dem späteren Windpark- Partner blühen hohe Gewinne. 
Und so wird das weiter Dorf gespalten: In die Naturschützer und Windkraftgegner und die Landbesitzer und potentiellen Gewinner. 
Und diese brisante Situation ist Auslöser für das Aufbrechen alter vor sich hin siedender Konflikte und bringt die ganze Dorfdynamik durcheinander. Allianzen werden geschmiedet und wieder verraten, ungewöhnliche Partnerschaften und neue Feindschaften entstehen. Und ausgerechnet eine Städterin ist im Besitz des entschiedenen Stücks vom Eignungsgebiet -doch sie verfolgt ihre ganz eigenen Pläne. 


Meinung: 

Ja, also wie gesagt, habe ich bei diesem Buch gemischte Gefühle. 
Einerseits sind die Charaktere toll beschrieben und die zwischenmenschlichen Beziehungsdynamiken sehr genau beobachtet. Die Stimmung, die im Dorf herrscht ist gut eingefangen, so dass man sich richtig in die Situationen hineinversetzen kann. 
Die Charaktere sind sehr schön herausgearbeitet und komplex. Ihre jeweiligen Motive werden nach und nach deutlich, und auch ihre Beziehungen zu den anderen Dorfbewohnern und wie ihre Vergangenheit sie beeinflusst. Dabei wird nicht Beschönigt, sondern die jeweilige Wahrheit ungeschminkt berichtet. Das kann auf Dauer allerdings ein recht tristes Bild zeichnen, da einem kein Charakter so richtig sympathisch ist. 

Und jetzt kommt das große Aaaaaber: Zwischendurch gibt es leider einige Längen. Zeh verliert sich manchmal in Beschreibungen und hochtrabenden Floskeln und schafft es dabei nicht, den Spannungsbogen zu halten. Das Buch lebt generell von der Stimmung und der intensiven Beobachtung der Charaktere. Aber wenn es sich dann zu sehr im Detail verliert, dann verliert dieser Stil meiner Meinung nach auch an Reiz. 


Fazit: 

Insgesamt hat Juli Zeh hier einen Roman geschaffen, der am Beispiel des Mikro-Kosmos der Dorfgemeinschaft wichtige Gesellschaftsdynamiken und -strömungen sehr gut einfängt und beschreibt. 
Allerdings gibt es auf den 640 Seiten auch viele Längen und einige Szenen und Beschreibungen, die man bestimmt auch kürzer hätte fassen können. 
Der Roman ist sicher nicht umsonst so hoch gelobt, meine (zugegeben sehr hohen) Erwartungen konnte er aber nicht ganz erfüllen. 


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2 Kommentare

  1. Trotz deiner Kritikpunkte hat mich deine Rezension daran erinnert, dass ich dieses Buch schon länger unbedingt lesen möchte. Danke für die ehrliche Beschreibung. Mal sehen, ob mich die Längen auch stören...

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    1. Hallo Barbara,
      Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert und ich wünsche dir viele schöne Stunden bei der Lektüre.
      Ich bin schon mal sehr gespannt auf deine Meinung.
      Liebe Grüße, Julia

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Über mich


Hallöchen, ich bin Julia, 24, und der Bücherwurm hinter dem Blog Leselust.
Seit 2016 blogge ich hier über Bücher, Literaturevents und was mich sonst so beschäftigt.
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