Die Wahrheit über das Lügen – Benedict Wells [Rezension]

Samstag, Dezember 22, 2018

Kurzgeschichten Liebe Freundschaft Star Wars Einsamkeit Buchtipp Kurzmeinung: 

Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells ist eine wundervolle, abwechslungsreiche Sammlung an Kurzgeschichten. Ich würde das Buch am liebsten gleich noch mal lesen.
Durch die große Vielfalt der Geschichten eignet sich dieses Buch auch hervorragend als Geschenk. 

Klappentext: 

Es geht um alles oder nichts in diesen Geschichten. Sie handeln vom Unglück, frei zu sein, und von einer Frau, die vor eine existenzielle Entscheidung gestellt wird. Von einem Ort, an dem keiner freiwillig ist und der dennoch zur Heimat wird. Von einem erfolglosen Drehbuchautor der Gegenwart, der in das New Hollywood des Jahres 1973 katapultiert wird und nun vier Jahre Zeit hat, die berühmteste Filmidee des 20. Jahrhunderts zu stehlen. Und nicht zuletzt eine Erzählung aus dem Universum von ›Vom Ende der Einsamkeit‹, die Licht auf ein dunkles Familiengeheimnis wirft.
Zehn höchst unterschiedliche Geschichten aus einer Welt, in der Lügen, Träume und Wahrheit ineinanderfließen. Mal berührend, mal komisch, überraschend und oft unvergesslich.



Meine Meinung: 

Normalerweise bin ich kein Fan von Kurzgeschichte. Wenn ich also sage, dass dieses Buch zu dem Besten gehört, was ich 2018 gelesen habe, dann will das schon was heißen.
Vielleicht werden jetzt einige gleich mit Steinen werfen wollen, aber ich muss sagen: Ich fand Die Wahrheit über das Lügen sogar besser als "Vom Ende der Einsamkeit".
In Die Wahrheit über das Lügen befindet sich eine Sammlung von Texten aus verschiedenen Jahren. Sie umfassen eine große Bandbreite an Stilen und Themen.
Da die einzelnen Geschichten so unterschiedlich sind, werde ich keine Gesamtbewertung über das Buch schreiben, sondern euch zu jeder Geschichte einzeln meine Eindrücke schildern.

Die Wanderung
Eine starke Geschichte, über die ich nach dem Ende noch etwas nachdenken musste, um sie zu verstehen. In einer sehr schönen Metapher werden hier die Jahreszeiten des Lebens dargestellt. Und wie eine kurze Tageswanderung manchmal das halbe Leben dauert.

Das Grundschulheim
Die Geschichte gehört für mich zu den Schwächeren. Es geht um sechs Jungen, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Familien leben, sondern gemeinsam im Grundschulheim wohnen. Es werden Alltagsszenen aus den vier Jahren erzählt, die die Jungen gemeinsam dort verbracht haben, bevor sich ihre Wege wieder trennten. Die Geschichte ist nicht schlecht, hat mich aber auch nicht sonderlich begeistern können. 

Die Muse
Eine wunderschöne Geschichte über Kreativität und das Schreiben. Einfühlsam, bewegend, manchmal fast schmerzhaft, dann wieder fast träumerisch. Eine Autorin trifft ihre Muse und verliebt sich in ihn. Allerdings beraubt ihr Schreiben ihm seiner Substanz. Und so muss sie sich zwischen ihrer Liebe zur Muse und der Liebe zum Schreiben entscheiden. 

Ping Pong
Neben "Das Grundschulheim" die einzige weitere Geschichte aus dem Band, die mir nicht so gut gefallen hat. Zwei Männer finden sich in einem geschlossenen Raum wieder. Sie wissen nicht, wie sie dort hingekommen sind. Allem Anschein nach, wurden sie entführt. Mit ihnen im Raum befindet sich außer einer Toilette nur ein weiterer Gegenstand: Eine Tischtennisplatte. Und so beginnen die beiden Männer zu spielen.
Die Geschichte war nicht sehr spannend, nicht emotional und um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, was sie bedeuten soll.

Richard 
In dieser Geschichte lernen wir eine alte Dame kennen, die auf einer Parkbank wildfremden Menschen von ihrem Kater Richard erzählt. Das Thema –Einsamkeit im Alter– finde ich wirklich tragisch und ich finde es gut, dass Benedict Wells diesem Thema eine Geschichte in dem Sammelband gewidmet hat. Dabei drückt er auch hier nicht auf die Tränendrüse, erzählt ohne große Dramatik von diesen Szenen, die wir alle im Alltag schon mal so erlebt haben oder haben könnten. Und diese ruhigen Szenen verstärken die emotionale Wucht noch, mit der mich die Geschichte getroffen hat. 

Die Nacht der Bücher
Diese Geschichte stammt indirekt aus dem Roman "Vom Ende der Einsamkeit". Dort wird an einer Stelle erwähnt, dass Jules eine Geschichte über Bibliotheksbücher schreibt, die in der Weihnachtsnacht zum Leben erwachen und sich unterhalten. Eine wirklich schöne, märchenhafte Geschichte.

Das Franchise oder Die Wahrheit über das Lügen
Die titelgebende Geschichte hat mir unglaublich gut gefallen. Ich bin ein großer Star Wars Fan und diese Geschichte über eine alternative Wirklichkeit, in der der Protagonist eine Zeitreise unternommen hat und George Lukas die Idee für das erfolgreichste Franchise aller Zeiten gestohlen hat, ist wirklich grandios.

Die Fliege
Wow, eine der für mich besten Geschichten aus dem Buch. Ganz  ruhig, distanziert, fast schon kühl wird in wenigen Worten die Beziehung zwischen einem Mann mit großen Ambitionen und noch größerem Ego und seiner Frau erzählt, die immer zurückstecken musste. Eine Beziehungskonstellation, die in unserer Gesellschaft (leider) noch sehr verbreitet ist und deren Problematik hier präzise dargestellt wird. Gerade in der Unaufgeregtheit der Erzählung liegt die große Kraft dieser Geschichte.

Die Entstehung der Angst
Diese Geschichte stammt aus "Vom Ende der Einsamkeit", hat es aber aus Gründen, die der Autor gut erklärt, nicht in die endgültige Romanfassung geschafft. Das finde ich doch sehr nett, dass er uns nun trotzdem an dieser Idee teilhaben lässt. Ob man diese Ergänzung zum Roman allerdings wirklich selber lesen möchte, bleibt jeder und jedem selbst überlassen, da es die Sichtweise auf die Protagonisten schon verändern kann. Ich für meinen Teil war sehr froh über die zusätzlichen Informationen. 

Hunderttausend
Eine schmerzhafte Geschichte über Verlust, über einen Vater und einen Sohn, die zu viel ungesagt lassen und sich immer weiter voneinander entfernen. Die das beide bereuen, aber nicht aus ihrer Haut können, bis es irgendwann zu spät ist.


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Fazit: 

In Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells findet ihr eine ausgewogene Mischung aus Kurzgeschichten. Sie haben verschiedenen Stile, verschieden Themen. Aber eins ist den Geschichten gemein: sie können unterhalten, sie gehen ans Herz und bringen einen zum Nachdenken. Und sie sind einfach verdammt gut geschrieben. Es ist schon eine Kunst, wie Benedict Wells es schafft, dass einen die Geschichten so schnell in ihren Bann ziehen und einem die Charaktere in nur wenigen Zeilen so ans Herz wachsen. Zwar konnten mich nicht alle Geschichten überzeuge, aber die meisten waren dafür so großartig, dass sie das mehr als wieder gutgemacht haben. Große Leseempfehlung!

Biblio
Verlag: Diogenes
Autor: Benedict Wells 
Seiten: 240 


Das könnte dir auch gefallen: 

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells (Rezension)
--> Der erste Roman des Autors, den ich gelesen habe. Zwei der Geschichten aus diesem Sammelband haben mit dem Roman zu tun. Und wenn einem die Geschichten gefallen, dann lohnt sich auch ein Blick in dem Roman "Vom Ende der Einsamkeit".


Plauderecke: 

Habt ihr schon was von Benedict Wells gelesen? Was ist euer Lieblingsbuch von ihm?
Und lest ihr auch gern mal Kurzgeschichten, oder mögt ihr lieber Romane?

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4 Kommentare

  1. Eine wundervolle Rezension, zumal du zu jeder Geschichte noch etwas geschrieben hast. Ich mag Kurzgeschichten ganz gerne, aber das muss man können - nur mir fällt es dann immer schwer, auch noch einzelne Eindrücke zu verfassen. Ich behalte den Titel mal im Auge (=

    Liebst,
    Janna

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    1. Meine liebe Janna,
      Wie schön, dass dir meine Rezension so gut gefällt. Ich kann dir verraten: Benedict Wells kann das auf jeden Fall! ;) Solltest du also wirklich im Auge behalten. :D
      Liebe Grüße und eine schönes vorweihnachtliches Wochenende.

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  2. Liebe Julia

    Vielen Dank für diese tolle Empfehlung. Sehr schön finde ich auch, dass du zu jedem Buch etwas geschrieben hast. Das macht wirklich neugierig auf dieses Buch, das schon länger auf meiner Wunschliste steht und hoffentlich schon bald hier einziehen darf ;-)

    Alles Liebe dir und frohe Festtage
    Livia

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    1. Liebe Livia,
      Danke schön für deine lieben Worte. Es freut mich sehr, dass dir meine Rezension gefallen hat. Ja, bei einer Sammlung so verschiedener Geschichten fand ich es irgendwie sinnvoller, zu jeder einzelnen was zu schreiben, weil sich das eben schwer zusammenfassen ließ. :)
      Ich kann dir das Buch wirklich nur empfehlen und bin gespannt, wie es dir gefallen wird.
      Ich hoffe, du hattest wundervolle Weihnachtstage und kannst das Jahr 2018 ruhig und entspannt ausklingen lassen.
      Liebe Grüße, Julia

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