Das Licht ist hier viel heller – Mareike Fallwickl [Rezension]

Samstag, Oktober 12, 2019


Feminismus Sexismus Patriarchat Vergewaltigung Beziehungen Emanzipation Kurzmeinung:

"Das Licht ist hier viel heller" von Mareike Fallwickl ist ganz anders als ihr erster Roman, und doch erkennt man ihren Stil. Das Buch hat mir wieder gut gefallen, wenn auch auf andere Art und Weise als "Dunkelgrün fast schwarz". Es hat mich etwas weniger gefesselt, dafür mochte ich, dass es sich mit so aktuellen Themen beschäftigt. Es hat einiges in mir ausgelöst, mich wütend gemacht, hat mir aber auch ein Gefühl gegeben, verstanden zu werden. Sehr gut gefallen hat mir wieder der wundervolle Schreibstil der Autorin. 



Klappentext:

Maximilian Wenger war einer der Großen, ein Bestsellerautor, ein Macher. Jetzt steht er vor einem Scherbenhaufen: Niemand will mehr seine Romane lesen, und seine Frau hat ihn gegen einen Fitnesstrainer eingetauscht. In einer kleinen Wohnung unweit von Salzburg verkriecht er sich vor der Welt.
Wengers achtzehnjährige Tochter Zoey plant ihre Zukunft nach ganz eigenen Vorstellungen. Schnell merkt sie, dass sie dabei an ihre Grenzen stößt – und das Erwachsenwerden mit Schmerz verbunden ist.
Dann bekommt Wenger diese Briefe. Obwohl sie an seinen Vormieter adressiert sind, öffnet er sie, und es trifft ihn wie ein Schlag: Sie sind brutal und zart, erschütternd und inspirierend. Wer ist die geheimnisvolle Fremde, die von flüchtigem Glück, Verletzungen und enttäuschter Hoffnung erzählt? Was Wenger nicht weiß: Auch Zoey liest heimlich in den Briefen. Sie hat etwas erlebt, das sich in diesen wütenden Worten spiegelt. Beide, Vater und Tochter, werden an einen Scheideweg geführt, an dem etwas Altes endet und etwas Neues beginnt.



Meine Meinung:

"Das Licht ist hier viel heller" von Mareike Fallwickl hat viel in mir ausgelöst. Es hat mich wütend gemacht. Mich verzweifeln lassen an der Ungerechtigkeit der Gesellschaft. Es hat mir aber auch Hoffnung gegeben, dass es einen Umschwung geben kann. Mir das Gefühl gegeben, verstanden zu werden. Mich mit anderen Frauen zu solidarisieren. 

Wütend gemacht hat mich vor allem der Charakter des Maximilian Wenger. Ich hätte ihn manchmal wirklich eine reinhauen mögen und bei manchen seiner Äußerungen oder Gedanken ist mir echt die Kinnlade runtergefallen. Aber genau das zeigt auch, wie gut dieser Charakter geschrieben ist. Ich habe ihn überhaupt nicht gemocht, aber er hat so viel in mit ausgelöst. Das ist wirklich eine schriftstellerische Leistung. Und dieser Effekt wurde noch verstärkt, weil ich genau weiß, dass es viele alte, weiße Männer gibt, die genau so etwas wirklich denken. 
Leicht hätte dieser Charakter als eine solche stereotype "alte weiße Mann" Figur eindimensional oder übertrieben wirken können. Doch Fallwickl schafft es, ihn als authentischen Menschen mit all seinen Schattierungen darzustellen. Zwar hat mich der Charakter wie gesagt aufgeregt, aber nicht, weil er eine schlecht gezeichnete Figur war, sondern gerade weil er in seinem Chauvinismus und Narzissmus so glaubhaft ist und an so einige Männer erinnert, die man im echten Leben (ungern) trifft. 

Ein völlig anderer Charakter ist Wenger Tochter Zoey. Sie ist eine junge Frau, die ihren Platz im Leben sucht und versucht, sich von ihrer dominanten, egozentrischen, kühlen Mutter zu emanzipieren. Sie wächst in einer patriarchalen Gesellschaft auf und wird auf verschiedene Weisen mit diesem Machtgefälle konfrontiert. Diese Entwicklungen sind dabei so einfühlsam und authentisch beschrieben, überhaupt nicht übertrieben und genau deswegen so schockierend und schockierend realistisch. 
Auch der Erzählton in Zoeys Kapiteln hat mir unglaublich gut gefallen. Hier zeigt sich wieder das sprachliche Talent von Fallwickl, das ich schon in ihrem ersten Roman so bewundert habe. 


"Ich frage mich, ob man vielleicht tatsächlich stark wird, indem man einfach keine Schwäche zeigt. Oder ob ich mich selbst belüge." S. 224



Wir werden in dieser Geschichte mit drei sehr unterschiedlichen Erzähler*innen konfrontiert, die drei vollkommen unterschiedliche Tonarten haben. Aber alle wirken sie authentisch und der Wechsel zwischen ihnen gelingt Fallwickl sehr gut. 

Die dritte Erzählperspektive neben Wenger und Zoey ist eine unbekannte Frau, die in Briefen nach und nach erzählt, was ihr passiert ist und welche Erfahrungen sie mit Männern und den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft gemacht hat. Ihr Erzählton ist der rauste, härteste. Er ist wieder ganz anders, als der von Wenger oder Zoey, aber hat mir auch sehr gefallen und die beiden anderen Perspektiven perfekt ergänzt.


"Ich wusste, man nannte es vicdim blaming, aber es nützt dir einen Scheiß, dass du den Namen dafür kennst, denn wenn sie es mit dir machen, fühlst du dich, als hätten sie dir Benzin ins Herz gegossen und ein Streichholz hinterhergeworfen." S. 281



Besonders gut gefallen haben mir die Beschreibungen der Beziehungen. Vor allem die von Zoey zu ihrem Bruder Spin. Aber auch die zu den Eltern. Die so geprägt ist von Abhängigkeit, dem Wunsch, verstanden, angenommen und geliebt zu werden. Aber auch das Infrage stellen und schließlich die Emanzipation von den Eltern. Zoeys Entwicklung hat mir wirklich sehr gefallen. 

Ich muss sagen, dass mir nicht alles an dem Roman gefallen hat. Manche Dialoge wirkten etwas holprig, manche feministischen Sätze oder Themen wirkten etwa zu gewollt und die Message wirkte etwas erzwungen und zu plakativ. Außerdem war es für mich persönlich etwas zu viel "tell" und zu wenig "show". Es wird viel erklärt, was mir als Leserin eh klar war. 
Das alles tritt aber im Vergleich zu der gesamten Geschichte, den authentischen Charakteren und der vielen wundervollen, perfekt geschmiedeten Fallwickl-typischen Sätze in den Hintergrund. 

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Fazit:

"Das Licht ist hier viel heller" von Mareike Fallwickl ist keine leichte und keine perfekte Geschichte, aber eine, die es sich zu lesen lohnt. Und zwar wegen der Aktualität des Themas, der authentischen Charaktere und des wundervollen, einzigartigen fallwickl'schen Schreibstils.


Biblio
Titel: Das Licht ist hier viel heller
Autorin: Mareike Fallwickl
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Seiten: 384



Das könnte dir auch gefallen:

Dunkelgrün fast schwarz – Mareike Fallwickl
--> der sehr lesenswerte Debütroman der Autorin.


--> ein Roman über Frauen und ihre Erfahrungen mit Sexismus und patriarchalen Machtstrukturen. Über Solidarität. Und auch hier geht es im Kern viel um Beziehungen.

--> ein dystopischer Roman, der in einem Gedankenexperiment eine Gesellschaft abbildet, in die Frauen das starke Geschlecht sind. 

--> Ein interessantes Sachbuch zum Thema Feminismus, Patriarchat und dem "alten weißen Mann".


Plauderecke:

Habt ihr das Buch schon gelesen? Wie hat es euch gefallen? 
Welches war das Buch, das euch zuletzt so richtig wütend gemacht hat? Uns aus welchem Grund? 

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6 Kommentare

  1. Hallo , ich freu mich nun noch mehr auf das Buch nach Deiner aussagekräftigen Rezension. Ich habe Grad *Dunkelgrün fast Schwarz* beendet und der Erzählstil und die Charakterdarstellungen der Protas haben mich sehr beeindruckt. Danke!
    Herzlich Angela

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    1. Liebe Angela,
      Vielen Dank für deine lieben Worte. Das freut mich wirklich sehr, dass ich deine Vorfreude auf das Buch noch steigern konnte. :) Oh ja, von Dunkelgrün war ich auch wirklich sehr beeindruckt. Wie gesagt, der neue Roman ist ganz anders, aber wenn dir der Erzählstil gefallen hat, dann denke ich, könnte auch "Das Licht" was für dich sein.
      Liebe Grüße, Julia

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  2. Hallo du liebe, eigentlich wollte ich ja unbedingt deine Meinung zu "Das Ting " lesen aber da muss ich noch ein bisschen warten und wenn ich schon mal da bin habe ich mal diese Rezension hier gelesen. Wow, du warst/bist echt sauer auf diesen Typen! Das kommt richtig gut rüber und vor allem auch das Warum. Von der Autorin kenne ich ja noch kein Buch und ich denke du hast mich überzeugt das zu ändern, auch wenn ich mich wahrscheinlich genauso aufregen werfe wie du. Genau das macht gute Bücher aus, sie picken einen und bleiben richtig lange in Erinnerung.
    Super schöne ehrliche Rezension
    Lieben Dank dafür :-*
    Kerstin

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    1. Hallo liebe Kerstin,
      Haha, ja, tut mir leid, da musst du dich noch ein bisschen gedulden. Aber die Rezension ist auf jeden Fall schon in Arbeit. :)
      Aber freut mich ja, dass du noch etwas anderes auf meinem Blog gefunden hast, was dich interessiert hat. ;) Ja, Wenger hat wirklich viel in mir ausgelöst. Weil es halt auch so gut in die heutige Zeit passt (leider immer noch!) und er stellvertretend für so viele Männer stehen kann.
      Ja, die Gefahr, dass du dich auch aufregen könntest, sehe ich auch. Aber wie du schon sagst, ist das ja eigentlich ein Qualitätsmerkmal für ein Buch. Und ich denke, der Stil der Autorin könnte dir auch gut gefallen.
      Vielen Dank für deinen langen Kommentar und dein Lob. Das versüßt mir sehr den Abend.
      Wünsche dir eine tolle Woche,
      Julia

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  3. Liebe Julia

    Dir ist da wirklich eine sehr schöne Rezension gelungen und ich bin total einig mit dir: dieses Buch ist sehr, sehr wichtig und es ist vor allem wichtig, dass darüber gesprochen wird.

    Inhaltlich erschien mir das Buch - anders als dir - als viel zu stereotyp und leider auch zu wenig konkret. Meiner Meinung nach hätte noch mehr aus dem Vollen geschöpft werden müssen. Zoey aber und die Beziehung zu ihrem Bruder Spin, waren meisterhaft beschrieben.

    Ich bin wohl die einzige Person in der Bücherwelt, welche auch sehr kritische Worte für dieses Buch gefunden hat und es würde mich sehr freuen, wenn du dir meine Rezension gerne anschauen möchtest ;-)
    https://samtpfotenmitkrallen.blogspot.com/2019/09/rezension-das-licht-ist-hier-viel-heller.html

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

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    1. Liebe Livia,
      Naja, ein paar Kritikpunkte hatte ich ja auch. ;D Aber spannend, dass du da Charaktere als stereotyp wahrgenommen hast. Da schaue ich gern mal auf deiner Seite vorbei.
      Liebe Grüße,
      Julia

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