Mercy Seat – Elizabeth H. Winthrop [Rezension]

Dienstag, Juli 03, 2018

Das Buch wurde mir vom C.H. Beck Verlag kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Todesstrafe Rassismus wahre Geschichte USA Südstaaten Wutbürger Hass Liebe Familie

Kurzmeinung:

Ein sehr großes Thema: Rassismus, ein Todesurteil aufgrund der Hautfarbe, ein Junge, der seine letzten Tage vor seiner Hinrichtung schildert. Leider konnte das Buch bei mir persönlich nicht das halten, was ich mir von der Geschichte versprochen habe. Wegen des wichtigen Themas und den starken Abschnitten über den Verurteilten ist es aber trotzdem lesenswert.

Bewertung: 3 Sterne


Klappentext:

Louisiana, die 1940er-Jahre, ein elektrischer Stuhl wird in die kleine Stadt St. Martinsville gebracht für die geplante Hinrichtung eines jungen Schwarzen namens Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. In Wirklichkeit ist sie seine Geliebte gewesen, die sich aus Verzweiflung umgebracht hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. Alle wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist, aber sogar Will selbst hat aus Trauer und Schuldgefühlen innerlich eingewilligt, und weiße Wutbürger drohen dem zweifelnden Staatsanwalt mit der Entführung seines Sohnes. Nach einer wahren Begebenheit, psychologisch fein und in einer an William Faulkner erinnernden multiperspektivischen Intensität erzählt Elizabeth Winthrop die tragischen Ereignisse bis zum überraschenden Ende. Ein meisterhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt und das niemanden kaltlassen wird.



Meine Meinung:

Ein Buch mit einem unglaublich wichtigem Thema, mit sehr viel Potential. Ich wünschte, ich hätte es mehr mögen können. Aber irgendwie hat es mich nicht so richtig berühren können. 
Wills Abschnitte sind mir echt unter die Haut gegangen, aber davon gab es so wenig. Und die anderen Abschnitte haben mir einfach zu oft gewechselt. Ingesamt wird die Geschichte aus Sicht von 9 verschiedenen Personen erzählt. Und das sind mit einfach zu viele Perspektiven, zu viele Wechsel, als das ich da mit jemandem wirklich hätte mitfühlen können. Dadurch sind für mich die Gefühle und Motive der einzelnen Personen manchmal auch zu sehr an der Oberfläche geblieben. 

Dieses Buch befasst sich wirklich mit krassen Themen. Todesstrafe. Rassismus. Ein Junge, der aufgrund seiner Hautfarbe sterben muss. Es gibt wirklich sehr eindrückliche Beschreibungen von Wills Auseinandersetzung mit dem Tod. Man bekommt Einblicke in seine Gedanken, wie er seine letzten Tage au Erden erlebt. Das ging mir wie gesagt wirklich unter die Haut. Aber man lernt auch viele andere Charaktere kennen. Den Pfarrer, der nicht weiß, wie er dem Jungen und seinen Eltern helfen kann, welchen Rat er geben soll und wie er Trost spenden kann. Die Wutbürger, die nichts haben, außer ihrem Hass. Den Vater, der seinen Sohn im Krieg verloren hat und nicht weiß, wie er es seiner Frau sagen soll. Alles sehr ergreifende Schicksale und bedrückende Ereignisse. Durch die vielen und schnellen Perspektivwechsel ist mir aber trotzdem keine der Personen so wirklich nahe gekommen und die Stimmung kam nicht so richtig bei mir an. Vielleicht war das aber auch ganz gut so. Vielleicht hätte ich die Lektüre anders auch gar nicht ertragen, gerade weil es um so unglaublich bewegende Themen geht. 

Sehr gut transportiert hat das Buch aber die (auch teils gespaltene) Stimmung in der Gesellschaft zu der Zeit, und auch die Tatsache, dass trotz so gravierender Ereignisse und diesem schlimmen Schicksal von Will, jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat. 
Und was für mich noch deutlicher im Mittelpunkt stand: Die große Ungerechtigkeit, das himmelschreiende Unrecht des Rassismus. Das Menschen aufgrund eines willkürlichen Faktors, ihrer Hautfarbe, diskriminiert, abgewertet, gedemütigt, körperlich misshandelt und im schlimmsten Falle sogar getötet werden. 
Der Hass der Menschen, der Unterdrücker, ist so unbegreiflich für mich. Das sie solchen Hass gegen Ihnen völlig unbekannten Menschen empfinden, nur auf Grund ihrer Hautfarbe. Wie wenig ihnen die Würde und das Leben der anderen bedeuten. Wie kann man nur so sein? 
Und das daraufhin die PoC zu der Zeit in ständiger Angst gelebt haben, auch in ganz alltäglichen Situationen. Sehr deutlich wird das zum Beispiel in der Szene, wo Frank mit seinem Karren am Straßenrand steht und hofft, dass ihn jemand mitnimmt. Und dann sofort in eine demütige, ängstliche Haltung wechseln muss, als er sieht, dass die Männer im anhaltenden Wagen weiß und ihm offensichtlich nicht wohl gesonnen sind. 
In solchen Szenen und Beschreibungen liegt eindeutig die Stärken des Buches. 



Todesstrafe Rassismus wahre Geschichte USA Südstaaten Wutbürger Hass Liebe Familie Tod

Fazit: 

Ein Buch, das mich irgendwie gespalten zurücklässt. Ich habe mich im Vorfeld ein bisschen vor der Lektüre gefürchtet, weil ich Angst vor diesem bewegenden Thema hatte. Angst, dass es mich zu sehr mitnimmt. Dann auch noch vor dem Hintergrund, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Doch dann ist quasi das Gegenteil passiert: Das Buch konnte mich nur in seltenen Momenten wirklich berühren. Vielleicht war es ganz gut so, weil man so dieses schwierige Thema leichter ertragen konnte. Dennoch: dieses Thema darf wehtun, finde ich. Es darf (und sollte vielleicht sogar) bewegend, aufrütteln und erschüttern. 
Durch die vielen Perspektivwechsel und die an der Oberfläche bleibenden Schilderungen wurde da meiner Meinung nach Potential verschenkt. 
Dennoch lohnt sich die Lektüre, um sich ein Bild von der gesellschaftlichen Stimmung in den Südstaaten der 1940er zu machen. Um sich mit dem Thema Rassismus und dieser grenzenlosen Ungerechtigkeit zu konfrontieren. 


Biblio
Verlag: C.H. Beck 
Übersetzung: Hansjörg Schertenleib
Seiten: 251
Preis: 22,00€ 

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar. 


Das könnte dir auch gefallen: 

Kleine große Schritte – Jodi Picoult
--> Beschäftigt sich auch mit dem Thema Rassismus, aber auf andere Art und Weise 

The Hate U Give – Angie Thomas
--> Auch in diesem Jugendbuch ist das zentrale Thema Rassismus

Swing Time – Zadie Smith
--> Wieder ein anderer Ansatz, das Thema in einem Roman aufzugreifen

Gott, hilf dem Kind – Toni Morrison
--> Auch ein Buch, was mich irgendwie gespalten zurückgelassen hat. 


Plauderecke: 

Habt ihr das Buch schon gelesen? Was haltet ihr davon? Könnt ihr meine Einschätzung nachvollziehen, oder ging es euch beim Lesen ganz anders? 
Und was haltet ihr generell davon: dürfen Bücher auch wehtuen, wenn es um solche schlimmen Themen geht, oder sollten Romane das lieber etwas abschwächen, um Leser*innen nicht zu überfordern oder verletzen? 
Ich bin gespannt auf eure Meinungen. 

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7 Kommentare

  1. Hallo meine liebe und einen schönen guten Morgen, hach, ich liebe deine Rezensionen und auch wenn es dich nicht zu hundert Prozent begeistert hat, weiß ich doch das ich es lesen möchte /werde. Janna hatte mich schon damit gefangen und nun nach deinen Worten muss ich es lesen. Bücher dürfen wehtun, sie müssen es sogar. Das geschriebene Wort, gerade bei realen Hintergründen muss nichts verschönern. Das Leben und die Menschen sind so oft so böse und auch wenn ich lieber ein Happyend habe, kann das Gegenteil mich manchmal noch stärker erreichen. WuLiPlatz ganz weit oben für Mercy Seat und Wills Geschichte.
    Hab einen schönen Tag, liebe Grüße
    Kerstin

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    1. Liebe Kerstin,
      Oh, wow. Vielen, vielen Dank für deine Worte. Ich bin gerade ein bisschen sprachlos, ob des großen Lobes. Ich freue mich ganz doll. Danke. :)
      Dann bin ich mal sehr gespannt auf deine Meinung zu "Mercy Seat".
      Und Danke auch für deine Meinung zum Thema "Dürfen Bücher wehtuen". Da haben wir ja anscheinend sehr ähnliche Ansichten zu. Dein Satz, dass du dir manchmal eigentlich ein Happy End wünschst, aber das Gegenteil dich stärker erreicht –genau so habe ich das auch schon ganz oft empfunden.
      Ich wünsche dir noch ein wundervolles Wochenende und vielen Dank für deinen Besuch. <3
      Julia

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  2. Hey meine Feine, du hattest ja schon beim lesen geschrieben das es dich nicht gänzlich berühren konnte. Und deine Kritikpunkte kann ich auch verstehen. Mir war es nicht zu viel, es hätte aber mehr sein dürfen um einzutauchen.
    Und JA, solche Bücher müssen wehtun um etwas in Leser*innen zu bewegen, vor allem jene, die selbst nie aus erster Hand mit Rassismus in Berührung kamen

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    1. Hihi, meine beiden Lieblings-KeJa-Bloggerinnen untereinander auf meinem Blog. Und dann auch noch in der richtigen KeJa Reihenfolge! ;D
      Ok, sorry, zurück zum Thema.
      Ja, ich habe den Eindruck, wir haben viele Sachen bei dem Buch schon ähnlich wahrgenommen, haben es aber unterschiedlich bewertet. Das ist ja eigentlich auch mal sehr spannend.
      Aber ja, stimme dir zu. Solche Bücher sind so wichtig, um wenigstens etwas Verständnis zu schaffen bei allen, die nicht von Rassismus betroffen sind.

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    2. :D :D :-*

      Immer wieder interessant wie unterschiedlich die selben Eindrücke wahrgenommen werden!

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    3. Sehr wahr! Aber gerade darum ist ja das gemeinsame Lesen so spannend. :) Oder auch der Austausch unter den Rezensionen auf dem Blog. Manchmal stimmt man jemandem aus vollem Herzen zu. Und beim anderen hat man es total anders wahrgenommen. So bleibt es auf jeden Fall immer spannend. ;D

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    4. Absolut! Das lieben ich eben auch am bloggen, der Austausch bei den Rezis - manchmal viel zu selten! Und eben auch spannend wie bei diesem Buch und uns, das man Dinge wahrnimmt und doch so unterschiedliche Eindrücke hervorufen

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Ich liebe den Austausch mit meinen Leser*innen und freue mich über jeden Kommentar.
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