Einsame Schwestern – Ekaterine Togonidze [Rezension]

Samstag, Oktober 06, 2018

Georgien siamesische Zwillinge Misshandlung Zirkus Liebe Isolation Behinderung"Wo würde ich hinlaufen, wohin würde ich vor meiner Schwester fliehen? Oder vor mir selbst? Wie sieht das Leben aus, wenn man keine Gefangene ist?" (Aus "Einsame Schwestern, S. 113)

Kurzmeinung:

Ein starkes Debüt aus Georgien. Ekaterine Togonidze erschafft mit Einsame Schwestern einen besonderen Roman mit außergewöhnlichen Protagonistinnen und einer außergewöhnlichen Erzählart. Die Geschichte der siamesischen Zwillinge Diana und Lina ist erschütternd und ergreifend. Ein besonderes Buch, das sich zu lesen lohnt.


Klappentext:

Die siamesischen Zwillinge Lina und Diana sterben unter mysteri­ösen Umständen. Erst danach erfährt ihr Vater Rostom von deren Existenz, und dann, Seite für Seite, über das Leben seiner Töchter und deren unterschiedliche Persönlichkeiten in ihren ergreifenden Tagebucheinträgen.
Die beiden gegensätzlichen Stimmen zeichnen ihre außergewöhnlichen Er­­fahrungen als zwei getrennte Personen auf, die sich einen Körper teilen müssen. Bis ins Teenager-Alter werden die verletzlichen Zwillinge von der Außenwelt verborgen und von der Großmutter umsorgt, die darum kämpft, die beiden in einem verarmten post­sowjetischen Georgien zu beschützen – einer Gesellschaft mit wenig Mitgefühl für Behinderte. Nachdem die Großmutter stirbt, sind Lina und Diana wehrlos und fallen jeder Art von Misshandlung zum Opfer. Sie werden sexuell und psychisch missbraucht, sie werden gezwungen, als Freaks im Zirkus zu arbeiten.
Von der Taille abwärts verbunden, bleibt den Schwestern als einziger Rück­zugsort die Welt ihrer Tagebücher: Lina, unbeschwert und glücklich, ist fähig, sich zu verlieben, schreibt Gedichte, hat eine optimistische und romantische Seele und erfreut sich an den kleinen Dingen des Lebens. Diana, angespannt und bodenständig, kann ihre Situation nicht akzeptieren.
Nur von der Großmutter unterrichtet und versteckt vor der Außenwelt, erweitern die beiden ihren Wortschatz durch Fernsehsendungen und Blättern in Illustrierten. Die daraus entstehende einfache Sprache in ihren Tagebucheinträgen unterstreicht das Bild der Isolation der Zwillinge und macht diesen einzigartigen Roman authentisch.


Meine Meinung: 

Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür. In diesem Jahr ist das Gastland Georgien, weswegen viel interessante georgische Literatur ins Deutsche übersetz wurden. Auch ich habe also mal ein bisschen gestöbert, was georgische Autor_innen so zu bieten haben. Das Debüt von Ekaterine Togonidze hat mich gleich angesprochen. 

Es ist wirklich ein besonderes Buch. Es erzählt die Geschichte von Diana und Lina. Die beiden Mädchen sind Schwestern. Aber nicht nur das. Sie teilen sich einen Körper. Von der Taille abwärts sind sie verbunden. Sind nie allein. Gleichzeitig leben sie versteckt bei ihrer Großmutter, dürfen nie raus, sind immer allein. 


"Als wir noch Kinder waren, hat das nicht so wehgetan. Früher gab es Momente, in denen wir auch glücklich waren. (...) Es wird mir zu eng hier, in diesem kleinen Zimmer, uns fällt allmählich die Decke auf den Kopf. Das alles, diese Leere, macht mich schrecklich müde. Unser Leben besteht nur aus dieser Leere."  
(Aus "Einsame Schwestern, S. 17)

Doch das Leben für die Schwestern wird noch schlimmer. Als die Großmutter stirbt und das Haus durch ein Hochwasser zerstört wird, finden sich Diana und Lina schließlich im Zirkus wieder, wo sie körperlich und emotional misshandelt werden.

In Tagebuchform schreiben die beiden abwechselnd, was sie erleben und fühlen. Die Autorin schafft es dabei sehr gut, beiden eine eigene Stimme, einen eigenen Stil zu geben.

Diana, die viel nachdenkt, die Pragmatischere, die Starke.
Lina, die Sentimentale, Hoffnungsvolle und Naivere. Die Gedichte schreibt und sich sogar verliebt.

Dazwischen erfahren wir in kurzen Passagen auch immer etwas über Rostom, den Vater der beiden, der nichts von der Existenz seiner Töchter weiß. Erst hatte ich fast ein bisschen Mitleid mit ihm, weil er erst durch den Tod der Zwillinge von ihnen erfährt. Doch je mehr ich von ihm gelesen habe, desto wütender hat mich dieser Charakter gemacht! 
Gleich am Anfang erfährt man als Leser*in mit Rostom zusammen, dass Diana und Lina sterben. Und so herrscht von Anfang an in dieser Geschichte eine sehr bedrückende Stimmung.

Die Zwillinge stellen sich oft die Frage nach dem Warum? Warum passiert so was? Warum ihnen? Will sie überhaupt jemand? Wie soll ein Leben für sie aussehen? 



"Mir ist es peinlich, dass wir anders sind. Manchmal macht mich das alles fast verrückt. Warum passiert so was? Und warum ausgerechnet uns?"  
(Aus "Einsame Schwestern, S.13)

Auch wenn die Geschichte absolut trostlos ist, konnte ich es als Leserin doch ertragen, es zu lesen, was vor allem durch die Art und Weise herrührt, wie die Schwestern von ihrem Leben erzählen. Sie waren nie in der Schule und drücken sich eher einfach aus. Außerdem wuchsen sie isoliert auf und wissen wenig von der Welt. So beschreiben sie oft sehr naiv und unwissend, was ihnen passiert. Sie erleben die Dinge anders, als andere es vielleicht täten, weil sie Vieles nicht verstehen. Das schafft irgendwie auch eine gewisse Distanz und macht die Geschichte für mich erträglicher zu lesen.
 
"Unsere Mutter konnte friedlich sterben, weil sie uns nicht alleine zurückließ, wir haben einander, und so wird es bleiben. Ich kann ohne Diana nicht leben, und sie nicht ohne mich. Diese Worte entsprechen den Tatsachen, sind kein romantisches Gefasel." 
(Aus "Einsame Schwestern, S. 31)


Georgien siamesische Zwillinge Misshandlung Zirkus Liebe Isolation Behinderung

Fazit: 

Dieses Buch ist wirklich besonders und sticht aus anderen Romanen heraus, sowohl was die Themenwahl angeht, aber auch was Aufbau und Schreibstil betrifft. Eine absolut bewegende und erschütternde Geschichte über das Schicksal der siamesischen Zwillinge Lina und Diana, die so gerne leben wollten, und denen das Leben nur Kummer und Leid zu bieten hatte. 


Biblio
Verlag: Septime
Übersetzung: Nino Osepashvili, Eva Profousová
Seiten: 180

Das Buch wurde mir vom Septime Verlag kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch die Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.



Plauderecke: 

Habt ihr schon von dem Buch gehört? Oder es sogar schon gelesen? Bisher ist es glaube ich eher ein Geheimtipp. 
Was haltet ihr generell von georgischer Literatur? Was für Bücher könnt ihr mir noch empfehlen?

You Might Also Like

10 Kommentare

  1. Wow!
    Ich hatte von diesem Buch bisher nichts gehört, aber es klingt so gut. Also eigentlich schlecht, weil es so tragisch ist, aber auch gut. Ich bin gerade wirklich sehr neugierig auf das Buch und setze es gleich ganz oben auf meine Wunschliste. Vielen Dank für diesen Tipp!
    Hast du vor, noch mehr georgische Literatur zu lesen?
    Liebste Grüße, Kate

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Kate,
      Das freut mich sehr, dass ich dich auf das Buch aufmerksam machen konnte. Es ist wirklich keine leichte Lektüre, aber es lohnt sich sehr. Kann es dir nur empfehlen.
      Ich habe schon "Bestseller" von Bekannten Adamaschwili gelesen, auch ein georgischer Autor. Zu dem Buch gibt es hier auch eine Rezension. Außerdem liegt noch "Die Katze und der General" Nino Haratischwili auf meinem SuB. Und "Das Birnenfeld" möchte ich auch noch lesen. Also ja, es ist noch einiges an georgischer Literatur auf meiner Leseliste. :)
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen
  2. Huhu!
    Ich mochte das Buch auch wirklich sehr gern. Die beiden Schwestern sind mir sehr ans Herz gewachsen mit ihrer tragischen Geschichte.

    Was ich dir an georgischer Literatur noch empfehlen kann, sind die Bitteren Bonbons, eine Sammlung an georgischer Kurzgeschichten. :)

    Liebe Grüße!
    Gabriela vom Buchperlenblog

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Gabriela,
      Freut mich, dass dir das Buch auch so gefallen hat.
      Kurzgeschichte sind ja eigentlich nicht so sehr meins, aber ich schaue mir das Buch gern mal an. Danke für den Tipp.
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen
  3. Meine Gedanken beim Lesen des Klappentextes: "Wow!!". Ungewöhnliche und noch nie dagewesene Thematik und ein Buch mit Tiefe.
    Das muss ich also definitiv haben.
    Vielen Dank für diese Empfehlung!

    Liebe Grüße aus Wien,
    Conny

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Conny,
      Ja, so ging es mir auch. Und der Eindruck bleibt auch beim Lesen des Buches bestehen.
      Freut mich, dass ich dich auf dieses besondere Buch aufmerksam machen konnte.
      Sag gerne bescheid, wie es dir gefallen hat, wenn du es gelesen hast.
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen
  4. Wow, das klingt aber sehr interessant. Da hast etwas interessants ausgegraben.
    Damit werde ich direkt meinen SUB erhöhen.
    Viele Grüße
    Silvia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. oh ja, oh ja, oh ja! Ich kann es dir wirklich nur von ganzem Herzen empfehlen. Ein sehr besonderes Buch. Sag bitte gern bescheid, wie es dir gefallen hat.
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen

Ich liebe den Austausch mit meinen Leser*innen und freue mich über jeden Kommentar.
Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://leselustbuecher.blogspot.com/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/?hl=de&gl=de).

Über mich


Hallöchen, ich bin Julia, 25, und der Bücherwurm hinter dem Blog Leselust.
Seit 2016 blogge ich hier über Bücher, Literaturevents und was mich sonst so beschäftigt.
Ich liebe Bücher, Kaffee, das Meer und Musik.
Wenn ihr mehr über mich wissen wollt, dann schaut bei "Über mich" vorbei oder schreibt mir auch gern. Ich habe immer ein offenes Ohr für euch.