Guten Morgen, Genosse Elefant - Christopher Wilson [Rezension]

Montag, Januar 07, 2019

Leselust Bücherblog Roman Russland Historisch Stalin Tod

Kurzmeinung:

Ein Buch mit einem interessanten Thema und einem Bezug zu wahren historischen Begebenheiten. Die Erzählperspektive aus Sicht eines geistig behinderten, 12-jährigen Jungen ist gleichzeitig Stärke und Schwäche dieses Romans.


Klappentext:

Die lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzerreißende Geschichte von Juri Zipit, der ein paar Wochen in Stalins Datscha verbringt und sein Vorkoster Erster Klasse wird. »Mein Name ist Juri Zipit. Ich bin zwölfeinhalb Jahre alt und lebe in einer Personalwohnung im Hauptstadtzoo gleich gegenüber vom Seelöwenteich hinter der Bisonweide, direkt neben dem Elefantengehege. Mein Papa ist Doktor Roman Alexandrowitsch Zipit, Professor für Veterinärmedizin, Fachgebiet Neurologie der Großhirnrinde, also ein Spezialist für alles, was im Kopf der Tiere schiefgehen kann. Als ich sechseinviertel Jahre alt war, passierte mir das größte Pech. Ein Milchwagen ist von hinten in mich reingerumst. Hat mich durch die Luft gepfeffert, bis ich auf den Boden geknallt bin, kopfvoran aufs Kopfsteinpflaster. Dann kam hinterrücks die Straßenbahn und ist über mich rüber. So was hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich einmal ein paar Wochen im Zentrum der Macht verbracht habe. Es waren höchst vertrauliche Angelegenheiten und dubiose Ereignisse, die zu düsteren Geschehnissen führten. Geheimnisse versteckt in der Geschichte. Ich baue auf Ihr Schweigen. Außerdem will ich Sie beschützen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Also, psssst.«


Meine Meinung: 

Also bei diesem Buch habe ich ziemlich gemischte Gefühle. Einerseits hat mir die Kombination von kindlichem Erzähler und ernsten Themen sehr gut gefallen. Die Geschichte wird aus einer kindlichen, naiven Perspektive geschildert und deswegen in relativer einfacher Sprache erzählt. Aber das Thema ist eigentlich sehr ernst und wichtig. Es geht um Stalin und sein Regime, welches Gewalt einsetzte, um seine Ziele zu erreichen und auch durchaus auf Einschüchterung der Bürger als Methode gesetzt hat. 
Dieser historische Kontext und der Bezug zu realen historischen Begebenheiten hat mir gut gefallen. So erlitt Stalin ja wirklich einen Schlaganfall in seiner Datscha und es gab auch tatsächlich Verschwörungstheorien und Spekulationen, dass er vergiftet wurde. Die Idee, daraus einen Roman zu machen und ihn dann auch noch aus Sicht eines unschuldigen, naiven Kindes zu erzählen, finde ich sehr interessant. So habe ich einiges über Stalin, andere wichtige Personen und die Geschichte zu der Zeit im Kommunismus erfahren und Einblick in die Lebenswelt damals erhalten.

Obwohl ich die Kombination des ernsten Themas und des kindlichen Erzählers ja durchaus interessant fand, lag für mich darin auch die große Schwäche des Romans. 
Einerseits ist das Buch in leichte Sprache geschrieben, was dem Alter und den geistigen Einschränkungen des Protagonisten angemessen sein soll. Andererseits muss man als Leser*in dann auch erstmal verstehen, was der 12-jährige Juri mit seinen Beschreibungen meint.
Für mich war es nicht ganz konsistent, dass Juri einerseits geistig behindert sein soll, andererseits aber viele Fachwörter und komplizierte Begriffe kennt und verwendet. Das er wissenschaftliches Fachwissen hat, aber dann wiederum einfachste Sachen nicht versteht.
Auch blieb Juri in seinen Erzählungen immer sehr teilnahmslos. So bekommt er mit, wie Regimekritiker gefoltert und verhaftet werden. Auch er selbst erlebt schlimme Dinge. Durch den kindlichen Erzähler kommt es aber nie zu einer bedrückenden Stimmung, sondern alles wird eher aus einer Distanz und wie mit einem Achselszucken erzählt.
Das hat einerseits einen gewissen Reiz ausgemacht, weil es mal etwas anderes war. Andererseits hat mich die Geschichte dadurch auch seltsam kalt gelassen.

Leselust Bücherblog Buchtipp Stalin Tod Russland historisch Roman

Fazit: 

Ein Buch, dass sich gut lesen lässt und einen interessanten historischen Bezug bietet. Für mich aber kein Must Read. 


Biblio 
Verlag: KiWi
Übersetzung: Bernhard Robben
Seiten: 272

Das Buch wurde mir vom KiWi Verlag als Überraschung zugeschickt.  Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch die Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Das könnte euch auch gefallen: 

Mercy Seat – Elizabeth H. Winthrop 
--> Auch dieser Roman beschäftigt sich mit einem historischen Thema. Es gibt es viele interessant Erzählperspektiven. 

Fliegende Hunde – Wlada Kolosowa 
--> Wenn euch Russland interessiert, dann könnt ihr in diesem Roman ein paar Eindrücke über das Leben dort zur heutigen Zeit bekommen. Aber es werden auch geschichtliche Aspekte beleuchtet. 

Ich fühle was, was du nicht fühlst – Amelie Fried oder George – Alex Gino 
--> Falls euch besonders die kindliche Erzählperspektive interessiert, dann wären vielleicht diese beiden Bücher was für euch. 


Plauderecke: 

Lest ihr gern Bücher mit wahrem historischen Bezug? Und was ist eure Meinung zu kindlichen Erzählern? 

You Might Also Like

8 Kommentare

  1. Liebe Julia

    Ah schön, du hast das Buch auch gelesen. Schade nur, dass es dich nicht ganz so begeistern konnte, wie mich. Ich fand es wirklich grandios und besonders gut hat mir eben genau gefallen, dass Juri so genau und nüchtern beschreibt, was er sieht, was aber nur wir Leserinnen und Leser verstehen können. Dass er eingeschränkt ist, bedeutet ja nicht, dass sein IQ in irgendeiner Weise beeinträchtig ist und so kann er sich komplizierte Wörter merken oder auch Schach spielen.

    Besonders gut dargestellt waren meiner Meinung nach auch die historischen Bezüge. Einerseits werden Fakten verwendet, andererseits klingen auch diverse Verschwörungstheorien an und trotzdem bleibt dem Autoren seine Freiheit, wie sie halt nur ein Roman zulässt, ein Meisterstück.

    Vielleicht magst du dir meine Rezension zum Buch ansehen, die klingt ganz anders als deine, aber sicher auch darum, weil sie ganz andere Schwerpunkte setzt: https://samtpfotenmitkrallen.blogspot.com/2018/08/rezension-guten-morgen-genosse-elefant.html

    Alles Liebe dir
    Livia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieb Livia,
      Wow, danke für diesen ausführlichen Kommentar. Freut mich, dass dir das Buch besser gefallen hat. Die historische Darstellung hat mir ja wie gesagt auch sehr gut gefallen. Aber mit Juri wurde ich einfach nicht so richtig warm.
      Ein Meisterstück war dieses Buch für mich leider bei Weitem nicht. Aber dein großes Lob für das Buch macht mich natürlich neugierig. Werde gleich mal gucken, was du so zu dem Buch sagst. ;)
      LG, Julia

      Löschen
  2. Ich kenne das Buch noch nicht (außer das Cover aus der Buchhandlung), aber finde, es klingt durchaus interessant. Schade, dass du nicht so sehr begeistert bist. Ich bin gespannt.

    Zeilentänzerin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Zeilentänzerin,
      Ja, es hat ja auch wirklich sehr Interessante Aspekte. Die historischen Begebenheiten fand ich zum Beispiel sehr spannend.
      Ich war auch traurig, dass es mich nicht völlig überzeugen konnte. Aber so ist das eben manchmal. Ich hoffe, dir gefällt es besser.
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen
  3. Hallo Julia,

    mich konnte das Buch sehr begeistern. Es stach aus dem häufigen "Allgemeinbrei" heraus. Bin auf einem anderen Blog zufällig darüber gestolpert und es als Hörbuch gleich geladen.
    Ich verstehe deine Kritikpunkte. Die wirkten auf mich beim Lesen bzw. Hören nicht ganz so gravieren. Dem Autor ist mit dem naiven, etwas beschränkten Jungen ein richtiger Clou gelungen.

    Fals du lust auf meine Rezi hast, dann komm doch einfach vorbei. :-)

    GlG, monerl

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Monerl,
      Wenn ich die Kommentare hier so lesen, scheine ich mit meiner Meinung ja ziemlich alleine dazustehen. ;D Aber schön, dass dir das Buch besser gefallen hat. Also Hörbuch ist es vielleicht ja auch noch mal was anderes. Und du hast recht: es ist auf jeden Fall mal was anders und sticht schon etwas hervor.
      Deine Rezension schaue ich mir gern mal an. Bin ja neugierig, was du so zu dem Buch sagst. :)
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen
  4. Liebe Julia,
    danke für die Rezension. Das Buch steht auch auf meiner Wunschliste, aber rutscht nun noch ein Stück weiter nach unten ... ;-)
    LG Kerstin
    #litnetzwerk

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Kerstin,
      Bitte gern. Auch wenn es mir natürlich leid tut, dass ich dir über das Buch nichts besseres berichten kann. Aber du weißt ja: Geschmäcker sind verschieden und vielleicht gefällt das Buch dir ja richtig gut.
      Liebe Grüße, Julia

      Löschen

Ich liebe den Austausch mit meinen Leser*innen und freue mich über jeden Kommentar.
Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://leselustbuecher.blogspot.com/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/?hl=de&gl=de).

Über mich


Hallöchen, ich bin Julia, 25, und der Bücherwurm hinter dem Blog Leselust.
Seit 2016 blogge ich hier über Bücher, Literaturevents und was mich sonst so beschäftigt.
Ich liebe Bücher, Kaffee, das Meer und Musik.
Wenn ihr mehr über mich wissen wollt, dann schaut bei "Über mich" vorbei oder schreibt mir auch gern. Ich habe immer ein offenes Ohr für euch.