Mit der Faust in die Welt schlagen – Lukas Rietzschel [Rezension]

Freitag, September 07, 2018

Bücherblog Rezension Ullstein Sachsen Osten Wende Rechte Kurzmeinung: 

Gut geschrieben liefert Lukas Rietzschel eine interessante Beschreibung des Lebens in einem sächsischen Dorf. Über das Beschreibende kommt dieser Roman aber leider nicht hinaus und so kann er für mich nicht halten, was der Klappentext verspricht. 

Klappentext:

Zwei Brüder, ein Dorf in Ostsachsen und eine Wut, die immer größer wird
Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.
Lukas Rietzschels Roman ist eine Chronik des Zusammenbruchs. Eine hochaktuelle literarische Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land.



Meine Meinung: 

Ich hätte dieses Buch so gern mehr gemocht. Der Klappentext klang so vielversprechend, das Thema so interessant. Es hätte das Buch unserer Zeit sein können. Ich habe mir wirklich viel erhofft. 
Doch leider hat es für mich nicht das erfüllen können, was ich erwartet habe. 

Der Autor beschreibt sehr gut das Leben in einem sächsischen Dorf nach der Wende. Den Alltag einer Familie. Sehr gut werden die Charaktere eingeführt und dargestellt. 
Doch dann passiert leider erstmal lange Zeit nichts. Der Roman kommt nicht über das Beschreibende hinaus. Mir fehlte die Handlung, die Spannung, das Analytische. 

In der ersten Hälfte des Buches lernt man die Charaktere sehr intensiv kennen und ich habe gehofft, der Autor braucht die Zeit, um komplexe Figuren aufzubauen und dann irgendwann endlich mit dem eigentlichen Plot anzufangen. Aber leider kam da nicht so viel. Irgendwann hat die Handlung dann schon mehr Fahrt aufgenommen, aber mehr als einige gute Szenen gab es nicht. Der Rest verliert sich in Andeutungen. Da hatte ich mir einen differenzierteren, erklärenden Blick erhofft. 

Sehr gut zu spüren sind die Tristesse und die Hoffnungslosigkeit, in der die Bewohner des Dorfes stecken. Der Landstrich scheint verloren, vergessen, abgehängt. Schulen werden geschlossen, Jobs gestrichen. Die Perspektivlosigkeit und gerade die Langeweile der Jugend spürt man auf jeder Seite. 
Doch der wichtige nächste Schritt kam mir zu Kurz. Der Klappentext spricht von "Bedrohung", von den "Aufmärschen in Dresden" und einer "Eskalation der Situation im Heimatdorf". Erst im dritten Teil des Buches liest man davon überhaupt, und auch dann eher in kurzen Erwähnungen, Andeutungen oder knappen Passagen. Und auch dies wieder eher beschreibend. Kein Blick hinter die Fassaden, keine Verknüpfung der verschiedenen Standpunkte, keine literarische Analyse der Situation.  
Vereinzelt tauchen sie aber auf: wirklich starke Sätze, die mich treffen, die mich kalt erwischen. Sie funkeln hervor zwischen den langen Beschreibungen wie Diamanten. Doch von denen habe ich in dem Roman ingesamt leider zu wenig gefunden. 

Sehr gut gefallen hat mir die Sprache des Autors. Der Schreibstil ist sehr ruhig, sehr unaufgeregt. Manchmal sehr authentisch und roh, manchmal sehr literarische, fast poetisch. 


Bücherblog Ullstein Sachsen Osten Wende Rechte Roman Brüder

Fazit: 

Ingesamt konnte Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel für mich nicht das halten, was der Klappentext versprochen hat. Aber der Schreibstil des Autors ist toll, die Charaktere werden intensiv dargestellt und um einen Einblick in das Leben in einem Ex-DDR Dorf zu bekommen, ist das Buch ideal. Großer Pluspunkt ist auch die Aktualität der Thematik.


Biblio
Verlag: Ullstein 
Seiten: 320

Das Buch wurde mir vom Ullstein Verlag kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch die Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Das könnte dir auch gefallen: 

--> Die langen Beschreibungen einer Kindheit auf dem Dorf haben mich sehr an "Und es schmilzt" erinnert, auch wenn das Thema dort ein ganz anderes ist. 

--> Hier zwar in einer Großstadt, aber auch hier wird die perspektivlose Situation einer Jugendlichen beschrieben, die schließlich in einer Spirale aus Gewalt gipfelt. Die Beschreibung gelingt der Autorin allerdings wesentlich besser, wie ich finde. 


Plauderecke: 

Habt ihr das Buch schon gelesen? Wie habt ihr das beim Lesen empfunden?  Wart ihr auch enttäuscht, oder konnte euch das Buch voll und ganz überzeugen? 
Ich bin gespannt auf eure Meinung. 

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6 Kommentare

  1. Oh nein liebe Julia

    Das Buch sehe ich aktuell überall und mich sprechen Cover, Titel und Inhalt wirklich an. Wie schade, dass da nicht mehr möglich war.

    Bevor ich das Buch komplett von meiner Liste streiche, schaue ich mir noch ein paar andere Rezensionen an. Wahrscheinlich war es das aber schon und ich werde die Finger davon lassen.

    Alles Liebe
    Livia

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    1. Liebe Livia,
      Ja, so ging es mir auch. Ich war sehr interessiert und wurde dann leider sehr enttäuscht von dem Buch. Ich habe auch schon positive Rezensionen gesehen, aber auch viele, die ähnliche Kritik geäußert haben, wie ich.
      Im Endeffekt musst du dir natürlich selbst eine Meinung bilden, aber ich kann dieses Buch nur bedingt empfehlen.
      Danke für deinen Kommentar.
      Liebe Grüße, Julia

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  2. An dem Buch kommt man zur Zeit gefühlt gar nicht vorbei ... umso peinlich ist, dass ich das Buch zur Leipziger Buchmesse bekommen und es direkt in den Bücherschrank gepackt habe. ABER! Ich habe eine gute Begründung! Das Buch hatte damals noch ein ganz anderes Cover, weil es wohl wirklich nur schnell zur Buchmesse gedruckt wurde. Und auf dem Cover stand so gut wie gar nichts zum Buch.
    Nach deiner Rezension weiß ich nun aber nicht, ob ich wirklich was verpasst habe ;)

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    1. Liebe Marina,
      Ja, das stimmt, das Buch ist im Moment echt überall. Und ich kann es auch verstehen. Wenn man den Klappentext liest, dann könnte es ja echt "das Buch der Zeit" sein. Ist es aber leider irgendwie nicht. Wie gesagt, ich hab mir viel erhofft und hab mir nach der Lektüre gewünscht, es mehr mögen zu können. Aber irgendwie... Naja.
      Und deine Begründung finde ich absolut verständlich. Wenn man von dem Buch nichts kennt, außer dieses Monster von einem Titel –ich hätte es wahrscheinlich auch einfach ins Regal gestellt. ;D
      Liebe Grüße, Julia

      PS. Eventuell fangirle ich gerade ein bisschen, weil du auf meinem Blog warst! :D

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    2. Haha, ich werde Autogrammkarten für die nächste Buchmesse vorbereiten ;)

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