Herr Sonneborn geht nach Brüssel – Martin Sonneborn [Rezension]

Sonntag, November 17, 2019


EU-Parlament Martin Sonneborn Satire Humor Politik Europa Sachbuch Kurzmeinung:

"Herr Sonneborn geht nach Brüssel" ist ein wirklich unterhaltsames Sachbuch, welches den Leser*innen auf humorvolle Weise näher bringt, wie das europäische Parlament funktioniert und was hinter den Kulissen abläuft. Eines meiner Highlights in diesem Jahr!

Klappentext:

Endlich verstehen, wie in Europa Politik gemacht wird.
Das Abenteuer beginnt im Frühjahr 2014. Unerwartet wird der ehemalige Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn ins EU-Parlament gewählt – als einziger Abgeordneter seiner Partei (Die Partei). Und da er schon mal da ist, beschließt er rauszufinden: Wie funktioniert Europa?
Am Anfang ist es wie eine Klassenfahrt für Erwachsene. Europäer mit 24 verschiedenen Muttersprachen treffen aufeinander. Sie kennen sich nicht, sollen aber gemeinsam Politik machen. Und es werden wilde Jahre: Es geht um die Vergrößerung der EU, den Brexit, Datenschutzrichtlinien, die Katalonienkrise und die Beziehungen zu den USA und zu Russland. Politik wird von Menschen gemacht. Von den Fraktionslosen wie dem polnischen Monarchisten, der das Frauenwahlrecht wieder abschaffen will, und Alessandra Mussolini, der Enkelin des Duce, die über Berlusconis legendäre Po-Liste ins Parlament gekommen ist, genauso wie von den Mitgliedern der großen Parteien.


Meine Meinung:

Ich würde mich als durchaus politikinteressierten Menschen beschreiben. Ich schaue Nachrichten, informiere mich im Internet und versuche, in einem angemessenen Rahmen auf dem Laufenden zu bleiben. Sachbücher über Politik habe ich bisher aber kaum gelesen. Zu trocken, zu staubig und unnötig kompliziert erschienen sie mir meist. Als Zielgruppe kamen mir da immer alte weiße Männer mit Kordjackett mit Lederflicken an den Ellbogen in den Sinn.

Ganz anders ist es jedoch mit "Herr Sonneborn geht nach Brüssel". Viele werden Martin Sonneborn als Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" kennen. Oder aus Satireformaten im Fernsehen, wie der Heute Show. Da kommen einem Adjektive wie "trocken" oder "staubig" nun wirklich nicht in den Sinn. Sondern sein lockerer, humorvoller, sarkastischer Ton, den man von ihm kennt -und genau so hat er auch dieses Buch geschrieben. Mit viel Humor und jeder Menge bissigen Kommentaren erklärt er den Leser*innen die Hintergründe und Funktionsweise des EU-Parlaments. Klärt auf über die Arbeit in Ausschüssen und Gremien, über Abstimmungen, Lobbypartys und Auslandsreisen. Ich habe durch dieses Buch viel über die EU gelernt. Zum Beispiel darüber, wie Gelder verteilt werden, wie neue Gesetze entstehen, wie die Arbeit der Abgeordneten ganz praktisch aussieht und welchen Einflüssen sie unterliegen. Und auch auf die Absurdität der teils wirklich überbordenden Bürokratie macht Martin Sonneborn mit Hilfe der Satire aufmerksam. 

Die interessanten Informationen und Fakten sind gespickt mit lustigen Anekdoten und solchen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Es hat mich ziemlich schockiert, wie viel Korruption, Absprachen und Einflussnahme etc es im EU-Parlament gibt. Dieses Buch ist dann eben doch nicht nur zum Lachen, sondern hat mich teilweise auch echt wütend und fassungslos gemacht. Sonneborn versteht es großartig, mit satirischen Mittel auf absurde bürokratische Regeln oder politische Missstände aufmerksam zu machen.

Teilweise konnte ich seinen Humor zwar nicht teilen und sehe einige Passagen auch wirklich kritisch, z.B. seine Reproduktion von von Sexismus und Rassismus. Das ist einfach etwas, was ich auch für satirische Zwecke nicht ok finde und ich nicht drüber lachen kann. Aber insgesamt fand ich seine Aktionen gut und denke, dieses Buch ist sehr gut geeignet, um den "normalen Bürger*innen" auf sehr unterhaltsame Art und Weise Politik und die Funktionsweise demokratischer Prozesse näherzubringen.

EU-Parlament Martin Sonneborn Satire Humor Politik Europa Sachbuch


Fazit:

"Herr Sonneborn geht nach Brüssel" ist ein sehr informatives und gleichzeitig unterhaltsames Buch über Europapolitik –von Abstimmungen im Parlament über Geschäftsreisen bis hin zu Geschichten aus dem Hinterstübchen und den Einfluss von Lobbyismus und Korruption. Martin Sonneborn zeigt mit satirischen Mitteln die Absurdität der überbordenden Bürokratie auf, aber macht gleichzeitig deutlich, warum sich diese EU trotzdem lohnt.
Eine Empfehlung für alle, die sich für europäische Politik interessieren. Und eigentlich auch für alle, die das eigentlich nicht so sehr tun, sich aber gern unterhalten lassen.


Biblio
Titel: Herr Sonneborn geht nach Brüssel
Autor: Martin Sonneborn
Verlag: KiWi
Seiten: 432


Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch die Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.



Das könnte dir auch gefallen:

Alte weiße Männer – Sophie Passmann
--> Ebenfalls ein Sachbuch, welches mit Humor und Biss ein wichtiges Thema behandelt. Hier: Sexismus.

Ich hasse Menschen – Julius Fischer
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--> Gedankenexperiment in Romanform: was wäre, wenn Hitler noch leben würde? Auch der Versuch, sich politischen und gesellschaftlichen Themen humorvoll zu näheren, hier allerdings weniger gelungen.



Plauderecke:

Habt ihr das Buch schon gelesen? Interessiert ihr euch für Politik? Und lest ihr gern Sachbücher? Wenn ja, welches war der letzte non-fiction Titel, der euch begeistert hat? 

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2 Kommentare

  1. Ich wusste bisher gar nicht, dass M. Sonneborn ein Buch geschrieben hat, aber ich finde das, was ich über ihn lese, sehr interessant. Schade, dass er immer noch als Satire-Politiker bezeichnet wird, denn im Grunde macht er das, was sich wohl viele Menschen von Politikern wünschen würden, er hört und schaut darauf, was die Menschen bewegt. Das er das auf eine humorvolle Art herüberbringt, macht ihn für mich nur noch sympathischer.

    Lg
    Daggi

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    1. Hallo Daggi,
      Das Buch ist wirklich toll und ich kann es nur empfehlen. Die Art, mit der das EU Parlament und den politischen Betrieb vorstellt, ist wirklich sehr gelungen.
      Und Satire-Politiker, naja, er tut ja auch einiges dafür, um so wahrgenommen zu werden. Das gibt ihm aber natürlich auch größere Freiheit und Handlungsspielraum, denke ich. Aber im seinen überspitzen Reden und Aussagen steckt natürlich immer viel Wahrheit. Nur äußert er es eben anders, als die sehr auf Diplomatie und ihre Wiederwahl bedachten Politiker.
      Liebe Grüße, Julia

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